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Wangemer Fasnetsbräuche

von Büttel Bruno Schöllhorn

Dass die Ursprünge unserer geliebten Fasnet nicht im Dunkel germanischer oder gar keltischer Vorzeit liegen, wurde durch die Forschungen von Prof. Dr. Werner Mezger und anderer Volkskundler bewiesen. Wie sich die Fasnet aus dem christlichen Jahresablauf und den damit verbundenen Bräuchen entwickelte, wie sich Figuren, Gestalten und Sinnbilder formten, habe ich in einem kurzem Abriss in den vergangenen Ausgaben der Kuhschelle beschrieben. Diesen Artikel finden Sie auch zum Nachlesen auf unserer Homepage im Internet (-> Ursprünge der Fasnet). Für die am Thema weiter Interessierten habe ich in dieser Ausgabe eine -> Literaturliste eingefügt.

Die großen Narrenstädte Rottweil, Villingen, Stockach und wie sie alle heißen, waren keine Inseln, auf denen sich Fasnetsbrauchtum in Reinkultur entwickelte. Auch auf dem Land und in den Städten des Oberlandes konnte die Fasnet dauerhaft Fuß fassen, sofern die Stadt und Dörfer mit ihren Bürgern katholisch waren. Die viel zitierten „Statuten“ der Städte, auch hier in Wangen, zeigen seit dem 15. Jahrhundert immer wieder, dass Ausschreitungen und Überschreitungen der Gebote in der Fasnetszeit gang und gäbe waren. Es gab anscheinend genügend Anlass zur Strafe – also sei der Umkehrschluss erlaubt: Es gab auch eine Art närrischen Tuns, die geduldet wurde.

Wie bereits beschrieben, mussten wertvolle, verderbliche Lebensmittel vor der Fastenzeit aufgebraucht werden. Tierische Produkte waren in der Fastenzeit verboten, und so wurden Eier, Fett und Fleisch, sofern sie nicht konserviert wurden (Eier konnten z.B. in Kalk aufgehoben werden, Fleisch wurde wie für die Seefahrt gepökelt), bei einem Festmahl verbraucht. Es wurden große und kleine Festmahle von den Bürgern, aber auch von den Bauern gefeiert. Und wo ausgiebig gespeist und getrunken wird, da ist Musik und Tanz nicht weit. Die Tage vor der Fastenzeit waren auch Tage der Hochkonjunktur für Spielleute und fahrendes Volk jeder Couleur. So gehörten auch Schau- und Lustspiel bald zur Unterhaltung. Dabei wurden viele Tanzveranstaltungen in Wangen und anderen Städten von den Handwerkszünften organisiert. Das „Narren“, das Sich-Verkleiden, war besonders bei den Handwerksburschen beliebt, denen ja ohnehin der Ruf eines lockeren Lebenswandels anhing.
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Ankündigung

der großen Fasnachtsveranstaltung „Englisch-Afrikanischer Cirrkus“ auf dem Postplatz im Jahr 1890

Dass die Obrigkeit dabei stets die guten Sitten gefährdet sah, zeigen auch hier die verschiedenen Verbote und Anordnungen, die sich in den Unterlagen des Stadtarchivs immer wieder finden lassen. So durften die Veranstaltungen Mitte des 19. Jahrhunderts nicht länger als bis 22 Uhr dauern, unverheiratete Burschen (ganz abgesehen von Mädchen) war der Aufenthalt in den Gaststätten sogar nur bis 21 Uhr erlaubt. Wurden Festmahle, Tanz und Unterhaltung zu Beginn der
„Fasnetsentwicklung“ von Kirche und Obrigkeit noch unterstützt und toleriert, so war, einhergehend mit einem geänderten Weltbild in späteren Jahrhunderten, das ausgelassene Treiben den Behörden und der Kirche doch immer wieder ein Dorn im Auge. Immer wieder einmal wurde versucht, die fasnächtlichen Vergnügungen ganz zu verbieten. Dabei mussten auch die absonderlichsten Begründungen für ein Verbot herhalten. Karl Walchner erzählt von einem Verbot von 1759, als die Fasnacht „wegen der bösen Zeiten und der Erderschütterungen“ nicht mit Musik abgehalten werden durfte.
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Fasnachtsspiele, Theaterspiele fürs einfache Volk und die „bessere“ Bürgerschaft, sind auch in Wangen über Jahrhunderte hinweg dokumentiert. Und als sich im 19. Jahrhundert sogar Vereine zusammenfanden um Fasnachtsunterhaltung zu betreiben, da waren Theaterspiele, Umzüge und närrische Darstellungen zentrale Bestandteile der Fasnetswoche. Akribisch listet Karl Walchner in seinen „Alt-Wangener Erinnerungen“ eine ganze Reihe Fasnetsveranstaltungen auf, so wurde z.B.

1833 „Der Kürbis von Tutterstadt“ aufgeführt, 1836 gab es „Ritterspiele“, 1850 wurde „Die Auswanderung nach Amerika“ glossiert, 1856 gab es wieder ein
„Ringleinstechen“, 1861 wurden am Fasnetsmontag „Merkwürdige Menschen“ dargestellt. 1862 wurde als öffentliche Fasnet eine „Große ausländische Menagerie“ gezeigt, 1863 gab es „Die große Leipziger Messe“, 1864 zogen „Prinz Carneval und König Gambrinus“ durch die Straßen, 1865 wurde
„Der Zoologisch-Botanische Narrengarten“ auf dem Postplatz eingeweiht, und 1874 wurde der „Einzug des Schahs von Persien gefeiert“.
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Ankündigung der ersten Ausgabe

der „Narren-Glocke“, Vorgängerzeitschrift der „Kuhschelle“ im Jahr 1863 Die Anzeige erschien — absichtlich — auf den Kopf gestellt.

Die Aufführungen und Spiele fanden natürlich unter freiem Himmel statt. Die Fasnetstage gingen somit immer einher mit einem bunten Treiben in den Straßen, vielfach wurden richtige Umzüge zusammengestellt. 1850 kam es z.B. zum „Großen Narrenritt“. Auch die
„Merkwürdigen Menschen“ wurden in einem Umzug dargestellt. Gerade die Themen des Fremden, Unbekannten, des Andersartigen wurden immer wieder dargestellt. Vor allem orientalische und afrikanische Szenen und Themen wurde aufgegriffen. Dabei wurde, ganz im Sinne des Zeitgeistes, wenig Rücksicht genommen auf Feingefühl. Derbe Späße auf Kosten anderer waren an der Tagesordnung.
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Fasnetsbälle in Gasthäusern kamen mit Beginn des 19. Jahrhunderts immer mehr in Mode. In fast allen Gasthäusern, die genügend Platz hatten, wurden Tanzveranstaltungen durchgeführt. So ist auch unser heutiger Bürgerball in diesen Jahren entstanden. Er wurde in der damaligen „Post“, dem heutigen „Hotel Alte Post“, veranstaltet und blickt somit auf eine bald 175-jährige Tradition zurück.

Eine amüsante Begleiterscheinung beschreibt Karl Walchner aus dem Jahr 1843. Damals waren gerade „Damenwahlen“ beim Tanzen in Mode gekommen. Diese Verlotterung der guten Sitten konnte jedoch nicht geduldet werden, und so teilte das Oberamt Wangen den Ortsvorstehern mit, dass „die Abhaltung von Tänzen, wobei statt der Mannsleute die Weibsleute zum Tanze auffordern, aus sittenpolizeilichen Gründen nicht geduldet werden darf“.

Die Verkleidungen der Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern waren, je nach bürgerlichem Stand, unterschiedlich aufwendig. Dem einfachen Volk genügten als „Häs“ ein paar alte, ausrangierte Kittel, Röcke und Schürzen um sich unkenntlich zu machen. Einfache Fetzen wurden zusammengenäht, die Kleiderschränke mit den ausgedienten Kleidungsstücken der Eltern und Großeltern wurden geplündert.

Masken aus Holz, wie sie in manchen Schwarzwälder Orten im 19. Jahrhundert bereits geschnitzt wurden, waren bei uns nicht üblich. Aus Papier und Stoff wurden einfache Gesichtsvermummungen gefertigt. Wichtig war nur, sich unkenntlich zu machen. Wer jedoch genug Geld hatte, der zeigte sich auf den Bällen und Tanzveranstaltungen in aufwendig genähten Kostümen.

Auf der Straße jedoch spielte sich einer der wichtigsten Fasnetsunterhaltungen ab – die Schnitzelbank. Auf einer großen Tafel wurden lustige, manchmal auch politische Begebenheiten des vergangenen Jahres mit Zeichnungen dargestellt. In Versen, gesungen nach Moritatenart, oder lautstark als Gedicht vorgetragen, wurden Bürger und Politik durch den Kakao gezogen, was der Obrigkeit natürlich oft als respektlos und sogar gefährlich erschien. Auch dies ist einer der Gründe, die ein zeitweiliges Fasnetsverbot hervorriefen.
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Große Tafel zum Bierkrieg 1911.

Rechts oben Bad Briel, Mitte links die alte Stadtbrauerei, Mitte rechts der Gasthof zum Kreuz. Rechts unten werden die Bierverteuerer vom Teufel in der Hölle gepiesackt.

So ist eines der ältesten und wertvollsten Stücke im Fundus der Wangemer Narrenzunft eine in Öl gemalte Tafel, auf der die Geschichte des „Wangemer Bierkrieges“ gezeigt wird. Damals, im Jahre 1911, waren die Bierbrauer von einer fast hundertprozentigen Preiserhöhung für das nun mal fürs Bierbrauen unabdingbare Malz betroffen. Diese Kosten wurden an den Biertrinker durch eine Preiserhöhung von ca. 1 Pfennig weitergegeben. Dies wiederum wollten die Biertrinker landauf – landab nicht hinnehmen, und es wurde die Parole ausgegeben, einen Monat kein Bier zu kaufen. Auch in Wangen kam es zu einer Protestkundgebung vor dem Gasthof „Zum Kreuz“, bei der immerhin etwa 400 Biertrinker teilnahmen. Gleichzeitig wurde gegen die Einführung von Kugelgläsern mit einem geringeren Inhaltsmaß protestiert. Der Bierkrieg verlief – wohl auch gerade durch die beginnende „bierseelige“ Fasnet, nach einiger Zeit im Sand, war aber Anlass genug, in einer Schnitzelbank Biertrinker und Bierproduzenten „auf die Schippe“ zu nehmen. Die Tafel wurde bei der großen Narrenausstellung in der Badstube im Jahr 2000 gezeigt und wird, nach einer Restaurierung, im Heimatmuseum zu besichtigen sein.
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Heischebräuche, wie das Umherziehen von Kindern, jungen Burschen und Mädchen, von Haus zu Haus um Fasnetsküechle und andere Süßigkeiten zu ergattern, waren auch in Wangen üblich. Verkleidet und maskiert wurden lustige Verse aufgesagt, wie sie sich hier und andernorts bis in die heutige Zeit erhalten haben. Jedem Alt-Wangener ist „Hoorig-Hoorig-Hoorig ischt die Katz, und wenn die Katz it hoorig ischt, noch fängt se keine Mäuse nicht“ noch heute ein Begriff. Aus dem Jahre 1865 ist folgender Narrenspruch dokumentiert:
„Narro, Narro, Gigelboge, was Du seist ist all‘s verloge!“

Aufsagen der Gugelnarren

auf dem Marktplatz

Im „Aufsagen“ der Gugelnarren am gumpigen Donnerstag und am Fasnetssonntag nach dem Sonntagsgottesdienst findet sich die Tradition der Schnitzelbänke und Fasnetsmoritaten wieder. So werden unsere alte Bräuche erhalten und weiterentwickelt – zur Freude der Wangemer Bevölkerung und der Wangemer Narren.

BS

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