Fasnet heute
Nach dem Krieg stieg das Interesse an der Fasnet rapide an. Neue Zünfte wurden gegründet, neue Figuren geschaffen. Als 1953 die Überlegung in der Verbandsführung anstand, dem Bund Deutscher Karneval beizutreten, traten einige Zünfte aus der VSAN aus – Rottweil, Elzach und Überlingen, zudem mit der Begründung, die Narrentreffen würden überhand nehmen, das örtliche Fasnetsbrauchtum zu wenig gepflegt, zu viele neue Zünfte ohne entsprechend historischem Hintergrund würden in die Vereinigung aufgenommen. Auch aus persönlichen Zerwürfnissen traten dann noch Villingen und Oberndorf aus. Neuaufnahmen in die Vereinigung gab es bis in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Heute sind in dieser Vereinigung ca. 50 000 aktive Hästräger vereinigt, unbesehen der riesigen Anzahl von Narrenvereinen, die seit Ende der sechziger Jahre wie Pilze aus dem Boden schossen (heutige Schätzungen belaufen sich auf mindestens 1200 Narrenzünfte im schwäbisch-alemannischen Raum).
Abschließend noch ein Zitat aus Werner Mezgers hochinteressantem Buch: „Das große Buch der schwäbisch-alemannischen Fasnet“, erschienen 1999 im Theiss-Verlag:
„Dass die Fastnacht mehr als fünf Jahrhunderte hindurch ihre Vitalität bewahrt und an der Wende zum dritten Jahrtausend ihre Attraktivität sogar noch deutlich gesteigert hat, zeigt einerseits, wie beharrlich, andererseits aber auch, wie anpassungsfähig sie ist. Wäre sie ausschließlich in alten Traditionen erstarrt, hätte sie eine solche Zeitspanne wohl kaum überdauert. Inhaltlich hat sie einen tiefgreifenden Funktionswandel vom einst primär religiös bedingten Schwellenfest vor der Fastenzeit zur heute weitgehend profanen Möglichkeit des kurzfristigen Ausbruchs aus dem Alltag durchgemacht. Und auch formal ist sie – trotz einer Reihe von erstaunlich ungebrochenen Überlieferungen gerade im schwäbisch-alemannischen Raum – insgesamt stets wesentlich stärker mit der Zeit gegangen als einzelne Brauchtumspfleger dies wahrhaben wollen. Erst die paradoxe Spannung zwischen den konträren Kräften Tradition und Wandel, zwischen Statik und Dynamik, Beharrung und Anpassung, die sich im Festhalten an Altem bei gleichzeitigem Eingehen auf Neues ausdrückt, macht letztendlich die Lebendigkeit des Brauchkomplexes aus.“