Die Schellenbueben
Schellenbue und Flachsnarr
in der Wangemer Narrenzunft
Von Walter Sterk und Bruno Schöllhorn
Das wohl erste Häs des Schellenbue entstand 1954. In der Nähstube in der alten Kinderschule am Milchpilz (das Gebäude musste dem Werkstattbau der gewerblichen Berufsschule weichen) entstand aus grobem, schwerem Rupfenstoff eine Art Sackkleid mit weißen, langen Ärmeln.
Auf der Brust war auf ebenfalls weißem Stoff das Wahrzeichen unserer Narrenzunft, das "Schellenmännchen", groß abgebildet. Um den Bauch wurde ein kräftiger weißer Strick gebunden, an dem eine weiß-rot lackierte Schelle hing. Bei einigen dieser Schellenbuben war die Schelle noch bronzefarben. Auf dem Kopf trug der Schellenbue eine weiße stoffene Haube, die rot eingefasst war. Oben auf der Haube waren zwei rote Eulenspiegelzipfel angebracht, die wiederum an den Zipfelenden mit kleinen Rollenschellen, sogenannten geschlossenen Narrenschellen, versehen waren. Vorbild dieser Haube war die gezeichnete Schellenbuebefigur, die bereits bei der Gründung unserer Zunft 1935 zum Logo wurde. Über die Schulter fiel die Haube mit vielen roten Spitzzipfeln.
Die ersten Masken
Auf Betreiben von Hugo Ill, dem vieljährigen Narrenvater, und Erich Zettler, genannt Bebbele, entstanden bei Franz Kresser, dem seinerzeitigen Rosenwirt von Eglofs, die ersten Holzmasken. Diese Maskengesichter zeigten alle Varianten der männlichen Gesichtszüge von derb bis hexenmässig, einige auch ein hämisches Gegrinse. Allen zueigen war eine stark ausgeprägte Backen- und Kinnpartie, eine kräftige Nase und eine hohe, gerunzelte Stirn. Erich Zettler, der sprichwörtlich "erste Schellenbue", trug so eine derbfreundliche Maske. Auf dem nebenstehenden Foto ist er zusammen mit seiner Frau, die das Aneweiblehäs mit Pappmachémaske trägt, abgebildet.
Der Schellenbue und seine Kuhschelle
Nach einer Übergangszeit von ca. 2 Jahren erhielt der Schellenbue ein neues Häs aus einer Kombination von grünem und gelbem Baumwollstoff. Das Oberteil, je halbseitig grün und gelb, mit spitz auslaufenden Zipfeln ab dem Bauchgurt, an dem die kupfernen Rollschellen befestigt waren. Kleine Schellen wurden an diesen Zipfeln befestigt. Gelb und grün symbolisierten die alten Farben der freien Reichsstädte. Die Pluderhosen waren ebenfalls halbseitig gelb und grün gehalten in umgekehrter Anordnung wie im Oberteil. Noch heute wird dieses Häs vom männlichen Narrensamen getragen.
Der Schellenbue besteht aber in der Wangemer Narrenzunft als Einzelfigur weiterhin fort. Er trägt, wie in der 1935 gezeichneten Figur, die übergroße weiß-rot lackierte Schelle aus Korb vor dem Bauch und führt zusammen mit dem Büttel und der Narrenfahne die Wangemer Narren beim Narrensprung an. Unter seiner Jacke trägt der Schellenbue dem Vorbild entsprechend eine rote Weste.
Bereits 1957 fertigte Korbflechtermeister Schöllhorn die erste Korbschelle für die Narrenzunft an - ganz den Wünschen der Zunft entsprechend in riesigem Mass. Diese Schelle erwies sich aber denn doch als sehr unhandlich und unpraktisch, so dass wenige Jahre später eine zweite Schelle geflochten wurde, die heute noch beim Narrensprung getragen wird. Im Inneren der Korbschelle hängt eine große bronzene Kuhschelle, die laut verkündet, dass hier der Wangemer Schellenbue kommt.
Der Flachsnarr
Schon Ende der Sechziger-Jahre war klar, dass das Schellenbuebehäs eine Aufwertung benötigt. Der Stoff war einfach zu dünn, die Ausführung sehr einfach gehalten. Nun wurde von Anton Schnetz der heutige Flachsnarr kreiert. Natürlich wurden die typischen Masken beibehalten, das Häs selbst jedoch mutierte vom einfachen Jacke/Hose-Kostüm zum Plätzlerhäs. Über tausend gelbe und grüne Filzplätzle wurden schindelartig auf einen einteiligen Arbeitsanzug aufgenäht. Der Bauchgurt mit den Kupferschellen blieb ebenfalls erhalten. Die Haube wurde ersetzt durch blaue und grüne Filztücher, die weit über die Schultern fielen. Darauf wurde in einer Wappenform eine Applikation von Flachsblüten gesetzt. In der Hand trug der Flachsnarr den seit einigen Jahren mitgeführten Flachswedel. So soll das Häs mit seinen Plätzle, dem Wedel und der Maske an einen verschmitzten Allgäuer Bauern erinnern. Es wurde 1971 von der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte als würdig befunden, in dieser Vereinigung getragen zu werden.
Nun ist ein solches Häs natürlich nicht für wenige hundert Mark zu haben. Die Wangemer Narrenzunft arbeitete ja seit ihrer Wiedergründung und der Einführung der Narrenhäser in den 50er Jahren mit einer zunfteigenen Häskammer, d.h. alle Häser verblieben im Zunftbesitz und wurden durch die Narrenzunft selbst finanziert. Bei heutigen Preisen für die Häser und weiterhin sehr maßvollen Häsleihgebühren ist ein solches Verfahren aber kaum mehr bezahlbar. Bereits zu Beginn der neunziger Jahre wurde nun überdacht, wie dies in Zukunft noch praktizierbar sei. Das Häs sollte den heutigen Anforderungen an Qualität und Schönheit entsprechen, gleichzeitig aber ganz in der Tradition der bisherigen Flachsnarren stehen und in Zukunft im Besitz der Narren bleiben .
Der "neue" Flachsnarr
Der damalige Brauchwart Peter Sterk überarbeitete das Flachsnarrenhäs in Zusammenarbeit mit Jürgen Hohl aus Eggmannsried und unserer Häskammer. So entstand ein wunderbares zweiteiligen Plätzleshäs in den bisherigen Plätzlesfarben gelb und grün. Die einzelnen Plätzle werden jetzt in mühevoller Arbeit einzeln eingefasst. Jacke und Hose sind warm gefüttert. Der Bauchgurt mit den Schellen wurde abgelöst von einem Kreuzgurt mit schweren Kupferschellen. Die Haube und der Handwedel blieben unverändert. Deutliche Veränderung jedoch widerfuhr der Flachsnarren bei der Maske. Es wurde gewünscht, dem Gesicht „menschlichere“ Züge zu geben, und so wurde vom Schnitzer Schele bei Ravensburg die neue Form ent-worfen – zwar immer noch derb, aber nicht mehr ganz so ausgeprägt, die Züge eher kantig denn rundlich. So ist die neue Maske, im Gegensatz zum sonstigen Häs, verhältnismäßig weit vom alten Gesicht entfernt.
Der Bauernkittel
Da mit der Einführung eines zweigeteilten Häses nunmehr die Möglichkeit gegeben war, die Jacke separat auszuziehen, wurde als „Darunter“ ein brauner Bauernkittel entworfen, am Hals und an den Ärmelbündchen mit einem hübschen Zierstich eingefasst. Üblicherweise wird entweder der gestickte ´Sticker´ der Zunft auf Brust oder Ärmel aufgenäht, oder direkt der Schellenbue mit Schriftzug „Wangemer Narrenzunft“ auf die linke Brustseite des Kittels gestickt.
Der Bauernkittel gefiel übrigens so gut, dass inzwischen auch zum „neuen“ Aneweible ein roter Bauernkittel gehört, und die Spindelnarren einen zum Häs passenden grünen Bauernkittel tragen können.
Nicht allen gefiel das neue Häs sofort, und erst nach ausgiebigen Diskussionen um Ge-staltung und auch um Sinn einer neuen Ausführung wurde es vom Zunftrat 1993 abgesegnet, so dass die ersten „neuen“ Flachsnarren in der Fasnet 1994 Wangens durch Straßen zogen.
Der Flachsnarr ist mit seinen Bewegungen und Sprüngen als sehr lebhafte Figur angelegt. Während der Umzüge springt der Flachsnarr kreuz und quer, bringt seine Schellen lautstark zum Klingen. Aber nicht für alle Hästräger ist dieses lebhafte „narret tue“ geeignet, und so mancher ältere Fasnetsbegeisterte verzichtete bedauernd auf „sein“ Häs. So ergab sich die nächste Weiterentwicklung unseres Flachsnarren fast zwangsläufig.
Der Gugelnarr
In wieder bewährt guter Zusammenarbeit mit Jürgen Hohl entwickelten Brauchtumswart Bruno Schöllhorn, Zunftrat Bernd Rothacker und Häswart Reinhold Schneller im Jahr 1997 den „Gugelnarren“, eine weitere Variante des Flachsnarren, der aber ganz neue Wesenszüge zeigt. Statt des Kopftuchs trägt der Gugelnarr nun eine mittelalterliche Gugelhaube, die übliche Kopfbedeckung der Bauern und Kleinbürger bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts. Die Haube mit ihrer „Guckel“, einem spitz zulaufenden „Tüte“ mit am Ende angebrachter gelber Quaste, schließt eng an Kopf und Hals an und fällt bis über die Schultern. Am unteren Rand des Schultertuchs sind 17 messingene Schellen angebracht. Der schwere Kreuzgurt entfällt dafür. An der Jackenbrust sind drei Schnupftücher befestigt, Symbol des „vornehmen“ Narren. In der Hand trägt dieser neue Flachsnarr als Zeichen seiner Würde einen großen grünen Narrenschirm mit gelber Kante und, als wichtige Neuerung, ein Narrenbuch, alternativ dazu einen Auswurfkorb.
In der Fasnet 1998 wurde der erste Gugelnarr der Öffentlichkeit vorgestellt, und erstmals konnte nun dieser Gugelnarr mit seinem Narrenbuch zum „Aufsagen“ gehen. Mit Gedichten, Zeichnungen und Sprüchen aus ihrem Narrenbuch kommentieren die Gugelnarren die Geschehnisse in der Stadt Wangen. Seither ziehen die Gugelnarren am Gumpigen Donnerstag durch die Amtsstuben und Straßen der Stadt und erfreuen die Wangemer mit ihren närrischen Sprüchen. Auch für die Altstadtglonkere und das Brezelverteilen am Fasnetssonntag nach dem Gemeindegottesdienst ergab sich so eine weitere Belebung unserer Fasnet.
So wurde der Flachsnarr in fast 40 Jahren zum wichtigsten „männlichen“ Häs unserer Fasnet entwickelt, denn nach wie vor ist das Flachsnarrenhäs nur Männern vorbehalten. In seinen nun drei Varianten ist diese Narrenfigur aus der Wangemer Fasnet nicht mehr wegzudenken und ist auch in der vielfältigen Häslandschaft der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte zu einer markanten und beliebten Gestalt geworden.





