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Fasnet - alter Brauch

Fasnet ein alter Brauch in Wangen

Nach den Aufzeichnungen von Heimatpfleger Karl Walchner und Stadtarchivar Dr. Scheuerle, zusammengestellt von EZM Jürgen Kaiser

Mitte des 14. Jahrhunderts wurden in den Städten Süddeutschlands nach der Überwindung der Vorherrschaft der meist adeligen Geschlechter das Zunftwesen eingeführt. Zur Zeit der Fasnacht traten dort die Zünfte besonders stark hervor. Sie bildeten ihre eigenen Narrenzünfte und Narrenräte und pflegten die alten Fasnachtsbräuche weiter.

Bereits im Jahre 1347 bestand in Wangen eine Zunftbewegung. Ihr wurde, wie auch anderswo, durch die Verleihung einer Zunftverfassung die ganze politische Macht zugeteilt und im 15. Jahrhundert die letzten Hoheitsrechte einer selbstständigen Reichsstadt verliehen.

In der kleinen Reichstadt Wangen bestanden damals nur 4 Zünfte: Die Schmiedezunft, die Weberzunft, die Zunft der Bauleute (Bauern) und die Zunft der Kaufleute.

In der Kaufleutezunft waren die wohlhabenderen Bürger vereint. Sie war deshalb auch die einflußreichste Zunft, obwohl sie am wenigsten Mitglieder hatte. Die Kaufleute hatten ein stattliches Zunfthaus an der Herrenstraße, das sie „Zum Narren“ („Herrentrinkstube d’Narr“ nach der Rauch’schen Stadtansicht von 1611) nannten. Neben ihren Zunftmeistern unterhielten die Zünfte als beratende Körperschaft einen Elferrat.

Als im Jahre 1552 Kaiser Karl V. für die Reichsstädte eine Verfassungsänderung verfügt hatte, wurden auch in Wangen die Zünfte aufgelöst, durften aber das Zunfthaus der Kaufleute „Zum Narren“ und das Zunfthaus der Weber weiter bestehen lassen. Da es sich im Verlaufe der Jahre ergab, daß die Zünfte nicht zu entbehren waren, wurden sie unter Einschränkung ihrer Rechte im Jahre 1555 wieder eingesetzt, aber dem Magistrat unterstellt.

In den Kriegszeiten und in Zeiten der Not war es im 17. Jahrhundert auch in Wangen selbstverständlich, daß alle närrischen Belustigungen unterlassen wurden. Was Zeiten der Not waren, dekretierte in Wangen gewöhnlich der Rat. Er bestimmte z. Bsp. auf dem Ratstag vom 7. Februar 1692, daß die an den Fasnachtstagen stattfindenden Zunfttage „heuriges Jahr bei schweren Zeiten zwar nicht gehalten werden“, jedoch sollte jedem Zunftmitglied ein Maß Wein und Brot ins Haus geschickt werden.

Es ging innerhalb der Mauern der alten Reichsstadt Wangen in der Fasnet oft recht „zünftig“ zu. Im Jahre 1745 erließ der Magistrat eine Verordnung an die Bürger, daß an „Zunft- und Fasnachtstagen“ sich niemand länger als 10 Uhr abends in den Wirtshäusern aufhalten durfte. Ledigen Burschen wurde der Wirtshausbesuch sogar nicht länger als 9 Uhr erlaubt.

„Wegen der bösen Zeiten und der Erderschütterungen“ (!) dürfe die Fasnacht nicht mit Musik abgehalten werden, verordnete der Magistrat im Jahre 1757.

Übertretungen dieser Magistratsverbote wurden mit besonders schweren Strafen geahndet. Trotz der einschränkenden Verbote des Magistrats wurde aber in Wangen das Fasnetstreiben in ausgiebiger Weise besorgt. Schon zur Zeit des Niedergangs des alten Zunftwesens im beginnenden 19. Jahrhundert hielten in Wangen in der Fasnacht noch einige der alten Zünfte ihre regelmäßigen Zunfterinnerungstage ab, „zum Zweck einer gesellschaft-lich - friedlichen Zusammenkunft“.

Als in der Mitte des 19. Jahrhunderts die alten Handwerkerzünfte ihre Tätigkeiten allmählich ganz einstellten, übernahmen mehr und mehr die Vereine das alte Brauchtum der Fasnacht. Diese ließen unsere heimische Fasnet durch viele Jahrzehnte in den Bann und unter den Einfluß des rheinischen Karnevals oder des Münchner Faschings geraten. Auch Wangen war von dieser Abhängigkeit nicht frei.

Nach der Fasnet 1907 erschöpfte sich vorerst der Humor der Wangemer Narrenfreunde. Für größere öffentliche Fasnachtsspiele, die die Wangener Bürgerschaft stets in vorzüglicher Art zu gestalten wußte, fand sich keine Interessentengruppe mehr zusammen, und bald kam der erste Weltkrieg. Die Nachkriegszeit mit ihren bitteren Begleiterscheinungen war nicht geeignet zur Veranstaltung großer öffentlicher Fasnetslustbarkeiten.

Erst in den Dreißigerjahren unseres Jahrhunderts flammte in Wangen das Narrenleben wieder auf. Die im Januar 1935 neu ins Leben gerufene Narrenzunft „Kuhschelle weiß-rot“ legte sich gleich mächtig ins Zeug. Ihre großen öffentlichen Fasnetsveranstaltungen „Wangen im Jahre 2000“ am Fasnetssonntag, den 3., und Fasnetsmontag, den 4. März 1935; die „Internationale Weltausstellung“ am Fasnetsmontag, den 24. Februar 1936; das „Narrentreiben mit großer Polonäse um den todgeweihten Springbrunnen auf dem Marktplatz“ am Fasnetsmontag, den 8. Februar 1937; der große Narrenumzug, erstmals unter dem Namen „Wangemer Narrensprung“ am Fasnetsmontag, den 28. Februar 1938; und der große Umzug, „Narrensprung“ und Budenzauber am Fasnetsmontag, den 20. Februar 1939, stehen noch in guter Erinnerung.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Narrenzunft freudigst wieder weitergeführt mit alljährlich stattfindenden Narrenfestabenden sowie großartigen Umzügen am Gumpigen Donnerstag und Fasnetsmontag.

Die Wangemer Narrenzunft kann sich also auf eine jahrhundertealte Tradition berufen, die seit den Narrenbräuchen und Fasnachtsspielen der alten Zünfte und den großen öffentlichen Fasnachtsveranstaltungen der Narrenvereinigungen des neunzehnten Jahrhunderts erhalten geblieben ist. ( JK)




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