Die Baumwollnarren
Die Geschichte der (Spinnerei-) Baumwollnarren
Freundlicherweise erhielten wir vom ehemaligen Schellennarr Werner Brust einen Bericht über die Entstehung des “Baumwollgeistes”, dem Vorläufer unseres heutigen “Spindelnarren”. Die fasnetsbegeisterten Arbeiter der ehemaligen Wangener Baumwollspinnerei ERBA entwickelten damals eines der markantesten Fasnetshäser unserer Region.
Jedes Jahr war auch bei der ERBA-Spinnerei und –Weberei die Frage akut: Was können wir – mehr oder weniger – Originelles zum Fasnetsumzug beisteuern? Meist war dies auch mit Kosten verbunden – sprich Arbeitszeit und Material. Nach dem Umzug wanderte das Zeug dann in irgend ein Lager oder auf einen Abstellplatz. Nächstes Jahr war ja wieder Fasnetsmontag!
Die Realität aber war ganz anders: 1: Man wollte ja nicht wieder den alten Hut vom Vorjahr, und 2. Stand oder lag das Fasnetsgelumpe überall im Weg. Das hieß, spätestens im Frühsommer alles in den Müll, bis zur nächsten Fasnet war’s ja noch so lange hin.
Die Direktion sah diese Kosten sowieso immer mit einem lachenden und einem weinenden Auge, sparen war auch damals ein wichtiges Argument. So kam’s, wie 's kommen mußte: Keine Ausgaben mehr für solche „kurzlebigen Investitionen“. Was also war zu tun? Als damals aktiver „Schellennarr“ war mir klar, es mußte ein Weg gefunden werden, „Langfristiges“ zu schaffen.
Bis Mitte des Jahres ließen wir Gras über die Sache wachsen – kommt Zeit, kommen neue Ideen, um unseren damaligen Boß, Herrn Direktor Sprissler, zu überzeugen, kostensparend und mit (Werbe-) Effekt.
Still und heimlich wurde ein weißer Gipseranzug im Werk Ausrüstung mit der ERBA-Hausfarbe gelb eingefärbt. Auf dem Hülsenboden im alten Bau der Spinnerei - das war das Spulenlager - fanden wir eine Kiste mit sogenannten Pimopshülsen, das sind Spinnhülsen für die damals schon verschrotteten Selfaktor-Spinnmaschinen. Sie waren am Unterteil mit Metallringen versehen und eigneten sich so besonders gut zum lauten Rascheln bei jeder Bewegung.
Also, „Häs“ und Spindeln waren organisiert. Erste Befestigungsversuche wurden gemacht, zu schwer durfte der Anzug nicht werden, sitzen sollte der Träger können, und trotzdem mußte es feste „klappern“. Die Hülsen wurden auf Spindelschnüre - das sind Antriebsriemchen an Spinnereimaschinen - aufgereiht und auf den Anzug aufgenäht. Das sah an den Nähten einfach scheußlich aus! Aber das konnte man mit grünem Filz abdecken - dieser Filz wird in der Fertigung zum Abrieb von Fasern verwendet. Die Flecken für die „Haube“ konnte man auch gleich daraus machen; da auch weißer Filz verwendet wurde kam die Mischung grün-weiß zustande. Die Stanzwerkzeuge wurden in der Schmiedewerkstatt hergestellt - Verwendungszweck im Normalbetrieb nicht bekannt, aber dringend erforderlich!
Als erstes holten wir uns eine Schellenbubenmaske aus dem Fundus der Narrenzunft. Anfragen bei Herrn Kresser in Eglofs verliefen nicht in unserem Sinne - es sollte eine leichtere Konstruktion sein -, Ähnlichkeiten zu anderen Zünften waren auch zu vermeiden u.s.w. So kamen wir zum Schnitzer Hasenmaile in Biberach. Der war von unserer Idee begeistert und schnitzte uns – gratis! - eine Maske, das Ergebnis ist bekannt. Die Warzen im Gesicht wurden mit Baumwollfasern gefüllt und sahen genau so aus wie eine aufgeplatzte Baumwollsamenkapsel.
Nun konnte das Wichtigste in Angriff genommen werden - das Bemalen des ERBA-Häses.
Baumwolle wächst in tropischen und subtropischen Ländern, ist im Wuchs etwa mit einem großen Johannisbeerbaum zu vergleichen. Seine Blüten sind in vielen Farben anzutreffen - sie gleichen einer Hibiskusblüte - von weiß über rosa, rot, dunkelorange, ja sogar bis tief lila. Wir entschieden uns für rot, das paßte am besten zu den weißen Baumwollkapseln, dem gelben Grund und den grünen Blättern. Diese Blätter ähneln etwa den Ahornblättern – fünffächerig. Das Bemalen erwies sich - mit den ja bereits aufgenähten Spinnhülsen - als äußerst schwierig; künftig mußte also zuerst bemalt werden.
Die Haube wurde aus Baumwollstoff gefertigt und mit den Filzplättchen benäht grün-weiß. Der Frontbesatz zur Maske wurde rot eingefaßt. Das Stanzen der Filze war eine beliebte Abwechslung für die Lehrbuben (heute Azubis) der Werkstatt.
Nun fehlte noch eine „Spinnerei - spezifische“ Zutat an der Haube. Versuche mit allen möglichen Bändern, Zwirnen und Gewebestreifen wurden gemacht, bis schließlich ein Zopf aus gebleichtem Baumwollzwirn den letzten „Zopf“ ergab. Irgend eine Farbtupfer fehlte noch: Es wurden Handschuhe in weiß, grün und anderen Farben ausprobiert: Rot war am effektivsten, also mußte die Ausrüstung rot färben.
Diese Aktivitäten blieben natürlich der Betriebsleitung nicht ganz verborgen, und so wurden wir zur „Offenbarung“ beordert. Das Ding konnte sich sehen lassen. Die Kosten wurden ermittelt, und es bedurfte einer großen Überzeugungsargumentation, daß dies auf lange Zeit gesehen doch sooo billig würde. Letzten Ausschlag gab dann, damals absolut neu, der Werbeeffekt für die Firma, man war ja überall auf den Umzügen, zumindest im schwäbisch-alemannischen Bereich. Als Werbeclou wurde dann ein schwarzer ERBA-Adler auf den Rücken gemalt; dieses Firmensymbol, zusammen mit der gelben Firmenfarbe des Häses, gaben schließlich den Ausschlag für den Kauf von 10 Masken für den Anfang. Der Erfolg gab uns recht, fast alle Mitarbeiter identifizierten sich mit ihren „ERBANERN“.
Was noch fehlte war ein Pendant zum Hülsenklappern: zwei Treibriemen wurden an den Enden zusammengenietet, beim Zusammenschieben und Gegenziehen knallte es ganz gehörig.
Die Baumwollgeister - Erbaner im Jahre 1959
Auf Umzügen war dann noch der Konfettisack dabei – zwei Kopftücher der Spinnereiarbeiterinnen wurden zusammengenäht. Als Konfetti wurde nicht das Übliche verwendet, sondern aus der Weberei wurden die Stanzreste, die bei der Anfertigung der Jacquardmusterkarten entstanden, gesammelt: Hartpapierplättchen von 3,5 mm Durchmesser. Zentnerweise wurde dieses Zeug verstreut. Besonders auf die frisch ondulierten Damenfrisuren. Ernsthafte Beschwerden so „geschädigter“ Zuschauerinnen sorgten aber bald dafür, daß dies untersagt wurde - man darf halt nichts übertreiben.
Die weitere Geschichte der ERBANER war mit dem Schicksal des Betriebes verbunden. So war es nur logisch und dankenswert, daß die Narrenzunft Kuhschelle weiß-rot die Maskengruppe in ihre Reihen aufgenommen hat.
Werner Brust



