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Das Aneweible

von Walter Sterk und Bruno Schöllhorn

Laut Wilhelm Kutter, dem seinerzeitigen Brauchtumswart der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte, ist das Schellenweible ganz in weiß und kann somit zu den Weißnarren gezählt werden (Anmerkung W.Sterk: Eine echte närrisch tolle Weisheit). Anstelle einer Larvenhaube trägt es ein rotes Kopftuch, auf dem ein spitzer Strohhut sitzt. Die Larve stellt ein vor sich hin lächelndes Mädchengesicht dar.

Ich möchte nun aus meiner Sicht zu dem Zustandekommen des Schellenweibles, das heute offiziell als Aneweible bezeichnet wird, berichten.

Mit der Wiedergründung der Narrenzunft in den Jahren 1952 bis 1955, oder besser ausgedrückt mit der Wiederbelebung des Wangemer Fasnachtsbrauchtums bestand Bedarf nach einem richtigen Maskenhäs, das während der Bälle und Fasnetsveranstaltungen der frühen 50er-Jahre getragen werden konnte. (Über die ersten Umzüge berichten wir in einer der nächsten Kuhschellen – Anm.d.Red.). Mit der Grundidee, vor allem zuerst ein Häs für die 40 Jahre alt gewordenen Frauen zu schaffen, machte sich vor allem Barbara Brüchle, damals Sekretärin im Rathaus und gut bekannt als „Mädi Gottschlich“, an diese Aufgabe. Sie entwarf sie das erste Schellenweiblehäs. Mit ihren ersten Zeichnungen ging sie zu Graphiker Stender, der nach ihren Anweisungen dann die Reinzeichnung in Farbe schuf.

Aneweible ab 1954

Mit dem ganzen Häs war ein Sinn verbunden: es steckte der Grundgedanke der
„Schwäbin mit 40 Jahren“ dahinter.

Aus dem Allgäuer Sprachgebrauch wurde das „ANE – ANE“ übernommen, ein Ausruck, der einen andern Begriff verstärken soll, aber auch Verwunderung und Ausruf bedeutet (mir wisset vo oinere, wo allat gsait hot: „Ane, ane, etzt henket der scho wieder d‘Hos über d‘Bettlad!“).

Von der Ausrüstungsanstalt (später ERBA , nun NTW) wurde ein weißer Baumwollstoff spendiert, der nun nach dem Entwurf in der Nähschule zugeschnitten und -genäht wurde. Aus diesem leider viel zu leichten Stoff wurde ein blousonartiges Oberteil gefertigt, das in der Taille schößchenartig abschloß. Dazu kamen lange, leicht pluderartig geschnittene Hosen mit einem Gummibündchen als Abschluß zum Schuh.

In der Lackierwerkstatt von Malermeister Heiner Miller wurden die Häser dann von Hand bemalt. Heute noch erinnert sich Frau Miller daran, daß zwischen den Stoff Karton eingelegt werden mußte, weil die Farbe sonst durch den dünnen Stoff drückte. Vom Wangemer Fasnachtslied (Text von Klara Grabherr) wurden unmittelbar die Worte „Ane-Ane“ übernommen, ein Ausdruck, der einen andern Begriff verstärken soll, aber auch Verwunderung und Ausruf bedeutet (mir wisset vo oinere, wo allat gsait hot: „Ane - ane, etzt henket der scho wieder d‘Hos über d‘Bettlad!“). Damit wurde das neue Häs über und über bemalt. Auch Maler Otto Briegel half bei dieser Arbeit.

Zu diesem weißen Häs trug das Schellenweible eine rote Ledergürtung, die auf der Brust übers Kreuz und am Rücken im Geviert verlief und um den Leib mit einem schmalen Gurt abschloß. An diesem
„Geschirr“ wurden broncefarbige Schellen auf der Vorderseite sowie auf der Rückseite des Schellenweibles montiert., die bei Bewegungen schellten. Daraus leitete sich auch der inoffizielle Name
„Schellenweible“ ab. Als Gesichtsmaske trugen die Schellenweible liebliche Mädchenmasken aus Gummi, die dem Gesicht einen besonderen Liebreiz verliehen. Die Trägerinnen mußten aber mit diesen Gummimasken viel Schweiß ertragen und viele bekamen Hautreizungen und Ausschläge. Dann wurde noch eine Kopfbedeckung gesucht. Eine originelle und preiswerte Idee war die Verwendung der Stroh– und Binsenhüllen, wie sie die Weinhändler zum Schutz wertvoller Weinflaschen verwandten. Diese urige Kopfbedeckung mit ihrer Flechtung nach oben sollte das Strohfeuer der 40-jährigen darstellen. Es war geplant, nach der ersten Fasnet einen Unterbau für diese Strohhüte zu bauen, damit sie besser zu tragen wären und nicht so leicht beschädigt würden. Aber bereits im nächsten Jahr wurden in Biesenberg neue pagodenartige Strohhüte aus einem stabilen Strohgeflechtbestellte, und diese trägt das Aneweible heute noch, wenn auch in verbesserter und blumenverzierter Auflage.

Am Bauchgurt trugen die Schellenweible ein sorgsam ausgekochtes und abgeschliffenes Kuhhorn mit sich. Dieses Horn sollte sagen, daß sich die 40-jährigen inzwischen wohl die Hörner abgestoßen haben (und haben sollten). Still und heimlich aber verschwand das Horn bald wieder aus dem Erscheinungsbild des Schellenweibles verschwunden.

Die ursprüngliche Intention, die Schellenweiblefigur den 40-jährigen Frauen vorzubehalten und so von Jahr zu Jahr einen Wechsel zu praktizieren, wurde bald verworfen, und andere Mädchen und Frauen erhielten dieses Narrenhäs ebenso – aus der Sicht des seinerzeitigen Zunftmeisters Anton Schnetz um so lieber – weil die jüngeren Narrensemester beim Fasnachten es etwas bedächtiger oder gar schüchterner angingen.

Einheitliches Schuhwerk war damals noch nicht unbedingt erforderlich. Deshalb sah man auch hier so manchen Schnickschnack (Erkennungszeichen). Rote Handschuhe sollten allerdings schon den Flachs- oder Hanfwedel tragen.

In einer großen Proklamation wurde das neue Häs dann beim Zunftball im „Löwen“ von Hugo Ill vorgestellt. Es gefiel wohl den Wangemern, denn bereits 1955 und 1956 war die Anzahl der Aneweible sehr stattlich geworden (siehe unser Bild in der 1. Kuhschelle).

Die ersten paar Jahre wurde viel improvisiert. Aber der Geist dieser Pilotinnen hat gefruchtet. Ich grüße

diese Hästrägerinnen der ersten Jahre mit einem herzlichen

Schelle, Schelle, Schell-au!

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